Zeichnungen und Skizzen datieren & aufbewahren: das große PRO

Viele andere Zeichner/innen, mit denen ich gesprochen oder geschrieben haben, überlegen, ob sie ihre Zeichnungen aufbewahren sollen oder nicht. Viele werfen sie weg, wenn sie ihnen nicht gefallen. Und genauso viele sagen Jahre später, dass sie es bereuen, weil sie ihren Fortschritt auf die Weise nicht auch durch die Fehlschläge dokumentiert sehen können.

Meine Meinung dazu ist klar: Wartet mit dem Wegwerfen! Wegwerfen geht immer noch, auch noch Wochen später. Die Zeichnung oder Skizze noch einmal zu zeichnen ist deutlich schwerer bis unmöglich – und macht auch keinen oder kaum Spaß.

In diesem Blogeintrag erläutere ich die Gründe, die für das Aufbewahren und vor allem auch das Datieren von Zeichnungen und Skizzen sprechen.

 

Lernschritte später noch einmal nachvollziehen können

Während der Entwicklung der eigenen Zeichenfertigkeit, werdet ihr es sicher schon erlebt haben, dass ihr auf einmal Aha-Erlebnisse hattet und festgestellt habt, wie ihr bestimmte zeichnerische ‚Probleme‘ lösen könnt.
Wenn ihr die Skizze oder Zeichnung, in deren Entstehungsprozess ihr die Entdeckung gemacht habt, wegwerft oder ausradiert, dann macht ihr es euch selbst schwerer. Denn ihr könnt danach die Entdeckung nicht noch einmal an der „Original-Zeichnung“ sehen und nachvollziehen, sondern müsst euch auf euer Gedächtnis verlassen. Das Gedächtnis ist trügerisch und wenn ihr später noch einmal dem gleichen Zeichenproblem gegenübersteht, dann ist es leichter, eure Lösung nachsehen zu können. Wenn ihr später den neuen Ansatz verinnerlicht habt und die „Vorlage“ nicht mehr braucht, dann könnt ihr die Skizze oder Zeichnung immer noch wegwerfen.
Jedoch hat eine aufbewahrte Skizze außerdem den Vorteil, dass ihr später genau wisst, wann ihr diesen wichtigen Entwicklungsschritt vollzogen habt. Das kann in ein paar Jahren unglaublich spannend sein.
Und damit wären wir direkt bei dem Grund 2.

Eure Entwicklung verfolgen können

Wenn ihr eure Skizzen aufbewahrt und datiert (wichtig!), dann könnt ihr viele Jahre später noch genau eure einzelnen Entwicklungsstadien und -schritte nachvollziehen. Ihr seht dann zum Beispiel: „Oh, meine Friesen-Zeichen-Phase in 2014, als ich nur schwarze Pferde zeichnen wollte und fasziniert davon war, dass die Lichtreflexe auf schwarzem Fell so gut wie weiß sind.“

Werft ihr eure Skizzen weg, werden euch viele Entwicklungsstände mit der Zeit einfach entfallen. Und euch werden viele Grinser entgehen, wenn ihr uralte Zeichnungen wiederfindet, auf die ihr mal endlos stolz wart und die ihr inzwischen einfach nur noch gruselig schlecht findet.

Anderen eure Entwicklungsschritte zeigen können

Zeichnen und Kunst lebt im Miteinander. Kaum jemand zeichnet oder malt nur für sich allein, die meisten wagen irgendwann den Schritt und vernetzen sich mit anderen Künstler/innen oder mit Kunstbegeisterten. Wenn man dann künstlerisch interessierten Freunden oder Freundinnen einmal chronologisch zeigen kann, wie man sich entwickelt hat im Laufe der Zeit und wie die Zeichnungen beispielsweise immer plastischer wurden, dann ist das sehr interessant.

Eine alte Idee noch einmal aufgreifen können

Beim Durchsehen alter Bilder und Skizzen fallen mir hin und wieder Ideen ins Auge, die ich gerne noch einmal anders umsetzen würde. Beispielsweise habe ich eine uralte, kleine Bleistiftzeichnung eines Gesichts später großformatig als Acrylbild gemalt.
Acrylbild eines Dämons
Hätte ich die Skizze weggeworfen – und sie war wirklich nicht besonders toll – dann wäre mir die Idee zu dem Acrylbild nicht gekommen. So könnt ihr euch auch auf eure eigenen, alten Ideen beziehen und sie mit neuem Leben füllen und sie noch einmal (ganz anders?) umsetzen. Oder schlicht und weg noch einmal mit viel besserem Können verwirklichen. Vielleicht wart ihr damals enttäuscht, weil ihr nicht zeigen konntet, was ihr eigentlich ausdrücken wolltet. Inzwischen seid ihr viel besser geworden – warum nicht noch einen Versuch wagen?

Einen „Nachweis“ über eine lange künstlerische Periode haben

Hin und wieder ist es auch nützlich, nachweisen zu können, wie lange die eigene künstlerische Schaffenszeit schon reicht. Dass es kein Strohfeuer ist, sondern über Jahre hinweg betrieben wurde, dass ein großer Fundus an Zeichnungen, Übungen und Skizzen vorhanden ist. Kurz: Dass die Kunst ein Lebensinhalt ist und keine vorübergehende Erscheinung. Dies erhöht die Seriösität anderen gegenüber ungemein.

Ihr seht, es kann viele Vorteile haben, Skizzen aufzubewahren. Ohne Datierung ist dies zwar auch sinnvoll, aber mit Datierung (Monat + Jahr mindestens) macht es noch einmal so viel Sinn! In diesem Sinne: Frohes Schaffen und gutes Verwahren 🙂