Zeichnen mit der rechten Gehirnhälfte

Wir leben in einer Welt, in der Logik, Sprache und Verstand absolut vorherrschend sind. In der Schule, im Studium und in der Arbeitswelt werden diese Dinge einfach vorausgesetzt.
Daher dominiert normalerweise die linke Gehirnhälfte, die für eben dies zuständig ist. Die rechte Gehirnhälfte kümmert sich nicht um Grammatik oder Rechenbeispiele, sie kann keine Worte finden und auch keine Berichte wissenschaftlich analysieren. Die rechte Gehirnhälfte ist für das Musische da, aber auch für die Orientierung im Raum und das blitzschnelle Erfassen von Situationen.

Grafik zeigt lesende person unter einem Baum aus einem Gehirn mit untergehender Sonne im Hintergrund

Was bedeutet das für Dich, wenn Du Künstler/in bist oder sein möchtest?

Die Aufgaben der zwei Hirnhälften, Gegenüberstellung (linke Hirnhälfte | rechte Hirnhälfte):
Denken | Fühlen
Intellekt | Intuition, Erkenntnis
Analyse | subjektiver Eindruck
logisch | kreativ
sprachbegabt | räumliche Begabung, Erfassung von Mustern
linear | simultan
Zeitgefühl | zeitlos

 

Die Gehirnhälften grafisch dargestellt
Links Logik, rechts Kunst

 

Mit der linken Gehirnhälfte wird Zeit gemessen, abstrahiert, gezählt, analysiert, geplant, gesprochen und werden rationelle Begründungen gesucht.
Mit der rechten Hirnhälfte werden Zusammenhänge erkannt, das große Ganze gesehen, räumliche Begebenheiten wahrgenommen, visualisiert, Bilder und Metaphern verarbeitet, geträumt und Ideen entwickelt.

Rechts- und Linkshändigkeit

Die Händigkeit verrät dabei nicht viel über die Zeichenfertigkeiten. Das Wechseln des Stifts in die ungeübtere Hand kann, muss aber nicht, dem Gehirn helfen, die andere Hirnhälfte vermehrt zu nutzen. Da das Hauptproblem beim Zeichnen aber NICHT die Fähigkeit ist, einen Stift zu halten und zu führen, sondern richtig zu sehen & das aufs Blatt zu übertragen, wird dies ohnehin kaum einen Effekt habe.

Wenn es Dich kreativer macht, mit der linken oder der rechten Hand zu zeichnen – dann tu es. Aber zwing Dich nicht dazu.
Vermutlich wirst Du mit der „falschen“ Hand einfach nur schlechter zeichnen. Das bringt Dir auch nichts.

Zeichnen mit der linken Gehirnhälfte

Wird mit der linken Gehirnhälfte gezeichnet, besteht das Bild fast nur aus Symbolen. Ein Auge sieht aus wie ein Auge – aber es sieht nicht unbedingt aus, wie das Auge, was gerade gezeichnet werden sollte. Ein Haus sieht aus wie ein Haus – aber es hat keine Ähnlichkeit mit der urigen Blockhütte, die das Motiv war.
Darum kannst Du es auch nur bis zu einem gewissen Punkt bringen, wenn Du beim Zeichnen vorrangig die linke Gehirnhälfte nutzt, die dafür eigentlich nicht vorgesehen ist. Du kannst damit durchaus symbolhafte Zeichnungen anfertigen, die auch erkennen lassen, was es darstellen soll, aber für den kreativen Selbstausdruck wird es nicht reichen.

Räumliche Darstellungen sind für die linke Gehirnhälfte nicht zu erfassen. Schatten oder Tiefen werden also maximal pauschalisiert und platt gesetzt, „weil da eben ein Schatten hingehört“.
Außerdem ist der linken Gehirnhälfte eine enge Langeweilegrenze angeboren. Das heißt, Du wirst Dich schwerlich über längere Zeit auf ein Bild konzentrieren können. Kannst du es nicht in 10 oder 20 Minuten beenden, dann fängt es an, dich zu nerven und du wirst ungeduldig.

Zeichnen mit der rechten Gehirnhälfte

Deine rechte Gehirnhälfte hingegen liebt es, mit Farben und Formen herumzuexperimentieren. Das kann sie Stunden lang mit wachsender Begeisterung tun.
Sie ist auf die Arbeit im Raum angepasst und durch sie erkennst du, wie du räumliche Tiefe erzeugst, wie du auf dem zweidimensionalen Zeichenblatt durch Licht & Schatten eine dreidimensionale Welt zum Leben erweckst.
(Wird sie vierdimensional, solltest du dich von einem/einer Quantenprofessor/in untersuchen lassen!)

Das klingt so, als würdest Du lieber mit Deiner rechten Hirnhälfte zeichnen und malen wollen, was? Das Gute ist: Dies kannst Du relativ leicht lernen. Du musst nur wissen, wie es sich anfühlt.

Umschalten auf die andere Hirnhälfte

Um gezielt die kreativen Fähigkeiten der rechten Hirnhälfte zu aktivieren, kannst Du lernen, auf sie umzuschalten; sie dazu zu bewegen, die Führung zu übernehmen.
Dafür musst Du Deine linke Gehirnhälfte angemessen langweilen. Nichts findet die linke Gehirnhälfte grässlicher, als Aufgaben, die schier ewig dauern (siehe oben) oder die viele Details zu einem Ganzen zusammenzufügen haben oder aber Aufgaben, denen sie nicht gewachsen ist. Dann erst kommt die rechte Hirnhälfte voll zum Tragen.
Während das bei erfahrenen Künstler/innen normalerweise von sich aus geschieht, kann ein Neuling auf ein paar Tricks zurückgreifen und das Umschalten regelrecht trainieren!

Dafür möchte ich Dir zwei Übungen vorstellen, die einfach durchzuführen sind und für die Du nur einen Zettel und einen Stift brauchst. Nimm Schmierpapier und einen billigen Bleistift oder Kugelschreiber, dann ist Dir das Resultat egal 😉

Übung 1:

Such dir einen Gegenstand, der Beine und/oder Lehne hat (Tisch, Stuhl) oder eine andere, durchbrochene Form aufweist. Damit ist gemeint, dass Du durch bestimmte Teile des Gegenstandes hindurchsehen können sollst. Ein Baugerüst beispielsweise ginge auch oder ein Strommast oder dergleichen.
Und jetzt zeichnest Du munter drauf los, und zwar nur die Formen, die nicht (!!) der Gegenstand sind! Also Du zeichnest den Hohlraum zwischen den Tischbeinen und den zwischen Stuhlbeinen und Stuhllehnen und außen herum. Ignorier den Gegenstand als Gegenstand und konzentriere Dich ausschließlich auf diese „Negativformen“. Am Ende der Zeichnung hast Du zwar wieder den Gegenstand gezeichnet 😉, aber darum ging es ja auch nicht.

Dein Gehirn muss sich bei dieser Übung umstellen, weil die linke Gehirnhälfte nicht mehr gemeldet bekommt: „Ich zeichne einen Stuhl. Jetzt die Lehne. Jetzt die Rückenlehne. Jetzt das Kissen …“, sondern es bloße Formen erkennen soll und damit überfordert ist. Die rechte Gehirnhälfte hingegen weiß genau, was zu tun ist!

Übung 2:

Such dir ein Bild. Eigentlich ist es egal, was es zeigt, aber es sollte nicht zu komplex sein. Eine Person ist super, eine Person mit detailliertem, verwirrendem Hintergrund weniger.
Dreh dieses Bild auf den Kopf. Wenn es physisch ist (in einem Buch, auf einem Foto), ist dies ja kein Problem. Auf dem Computer geht dies mit jedem Grafikprogramm und auch mit den meisten Fotoprogrammen mit ein oder zwei Klicks.
Falls Dir das zu kompliziert erscheint oder Du sofort anfangen möchtest, aber keine Bilder zur Hand hast, kannst du gerne die drei Beispielbilder nehmen, die ich unter diese Übung gepostet habe!
Jetzt zeichne dieses Bild auf dem Kopf stehend ab. Deine Zeichnung soll genau das zeigen, was du siehst – daher wird sie natürlich auch auf den Kopf gedreht sein.

Konzentrier Dich darauf, das erst verwirrte Gefühl in Deinem Kopf zu spüren, wenn Deine linke Gehirnhälfte rebelliert. Sie wird versuchen, mit allen Mitteln zu erkennen, was sie da zeichnen soll – und schließlich aufgeben. Dann wird das Zeichnen auf einmal leicht werden und Du fängst an, die Formen und Farben deutlicher wahrzunehmen. Du denkst nicht mehr „das ist eine Hand“, sondern siehst nur noch dort einen Schatten, hier eine Art dreieckigen Bogen und da eine ganz weiße Fläche.
Das ist die Arbeit der rechten Gehirnhälfte in Reinheit. So kann sich mit viel Übung Zeichnen oder Malen immer anfühlen.

Hier die drei versprochenen Übungsbilder:

Bild zeigt auf dem Kopf stehenden Pinguin
Leichter Schwierigkeitsgrad

 

Bild zeigt auf dem Kopf stehende Löwin
Mittlerer Schwierigkeitsgrad (mit Rechtsklick *Grafik anzeigen* wird das Bild größer)

 

Bild zeigt auf dem Kopf stehenden Erpel
Für die, die es wirklich wissen wollen (mit Rechtsklick *Grafik anzeigen* wird das Bild größer)

Woher weiß ich, dass die rechte Gehirnhälfte aktiv ist?

Dafür gibt es einen ziemlich leichten Test. Vertiefe Dich in Deine Zeichnung und wenn Du so richtig im Flow zu sein scheinst, dann lass Dich ansprechen. Am besten mit etwas Komplizierten. Antworte ohne groß nachzudenken, so, wie Du es normalerweise auch tun würdest.
Wenn jetzt nur noch Kauderwelsch herauskommt oder Du erst nachdenken MUSST, ehe Du überhaupt (sinnvoll) antworten kannst, dann gratuliere! Du warst im Modus der rechten Gehirnhälfte!

Und ansonsten: Tja, wenn du Kunstwerke wahrer Größe schaffst, dann arbeitest Du wohl konsequent mit Deiner rechten Gehirnhälfte. Wenn Dir rechnen oder logisches Schlussfolgern schwerfällt, dann ist sie auch im Alltag überwiegend aktiv.

Oder Du hast einfach nur keine Lust, Mathematik zu lernen 😉

Kleine Anekdote aus meiner eigenen Erfahrung

Ich fand es früher sehr nervig, immer wieder aus dem Zeichenflow herausgerissen zu werden, weil ich angesprochen wurde und antworten sollte. Daher habe ich irgendwann zu meinem damaligen Freund gesagt: „Okay. Du kannst es anscheinend nicht lassen, mich ständig wieder anzusprechen. Aber ich möchte nicht antworten, weil mich das jedes Mal wieder aus dem optimalen Zustand rausbringt und ich dann schwer wieder reinkomme. Also werde ich einfach nicht mehr antworten.“

Das war für mich eine interessante Erfahrung. Danach fiel mir zusätzlich auf, dass ich durchaus Filme sehen bzw. anhören kann beim Zeichnen oder Hörbücher oder Musik hören kann – aber sprechen geht eben nicht. Das beendet den sogenannten R-Modus (der Modus der rechten Hirnhälfte) sofort. Und wenn nicht, dann sind die Sätze absolut unzusammenhängend und ich ernte nur verständnislose Blicke.
Andere Person: „Willst du auch noch einen Tee? Und ich geh nachher noch einkaufen, auf was hast du Lust?“
Ich: „Grün, vielleicht, weiß auch nicht. Moment, was hast du gesagt?“

Schlusswort

Wenn Du schon lange und viel zeichnest und malst, wirst Du sowieso Deine rechte Hirnhälfte dafür verwenden. Aber vielleicht hat Dir der Blogartikel damit zeigen können, warum es nach Pausen und Unterbrechungen schwer sein kann, wieder ins Zeichnen reinzukommen. Auch, wenn die Unterbrechung nur kurz war. Manchmal reicht es schon, um wieder auf die linke Hirnhälfte umzuswitchen.

So oder so können die beiden Übungen eine Bereicherung für das Form-, Farben- und Tiefenverständnis sein.

Ich würde gerne Deine Erfahrungen damit hören! Also wenn Du die Übungen gemacht hast, dann lass doch mal ein Kommentar dazu da 😊

Und wenn Dir dieser Artikel gefallen hat, dann freue ich mich natürlich über ein Like & Share!

Have fun 😊

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4 Gedanken zu „Zeichnen mit der rechten Gehirnhälfte“

    1. Ich wünsche Dir viel Spaß dabei! 🙂 Ist am Anfang doch recht ungewohnt, besonders das Überkopf-Zeichnen, aber sehr wirkungsvoll.

  1. Ein super Artikel! Macht mir einiges bewußt, was zwar passiert, aber mir bisher gar nicht klar war. Ich lese deine Sachen immer sehr gerne, so viel interessante Wahrheiten und Fakten so gut in Worte gefasst. Finde ich toll.

    1. Vielen Dank, liebe Andrea!
      Das dachte ich mir auch, dass auch Künstler/innen profitieren können, die schon längst überwiegend die rechte Gehirnhälfte verwenden – eben weil ihnen bewusst wird, WARUM einiges so ist, wie es ist. Zum Beispiel, warum Unterbrechungen so nervig sein können oder warum man immer wieder Anfragen hat, von „wie machst du das bloß? Ich habe nicht die Geduld, so lange an einem Bild zu sitzen ..“ etc.

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