Übung ist das neue Talent – und was das für Dich bedeuten kann

„Ich würde auch gerne so gut zeichnen können wie du, aber ich habe einfach kein Talent dazu.“

Ein Satz, den ich häufig höre. So häufig, dass ich keine Lust mehr habe, ihn zu hören. Talent … Was ist Talent? Und ist Talent beim Zeichnen wirklich wichtiger als Übung?

Wenn Du zu den Menschen gehörst, die gerne zeichnen können würden, aber ‚kein Talent‘ dazu haben, dann werden Dir die Antworten vielleicht nicht gefallen. Denn Talent ist nur ein winziger Punkt in Richtung Können.

Zeichnen ist kein Mysterium, sondern eine Fähigkeit, die erlernt werden kann. Nicht immer geht dies schnell … aber wer das Zeichnen liebt, wird es ja gerne tun – oder? 😉

Halt Moment, warum sollten dir die Antworten denn nicht gefallen?

Tja, ‚kein Talent‘ für etwas zu haben, ist die optimale Ausrede, es gar nicht erst zu versuchen!

Wer etwas nie versucht, umgeht eine Menge Arbeit und Mühen, sehr viel Zeitinvestitionen und eventuell auch dem Gespött der anderen, wenn die ersten Versuche nicht gut genug ausfallen.

Also wenn Du bisher auch dachtest, dass Du kein Talent zum Zeichnen hast, dann gehe in diesem Moment einmal in Dich und frage Dich ganz ehrlich: Habe ich wirklich kein Talent oder einfach nur keine Lust, die nötige Zeit zu investieren, damit ich besser werde?

Wenn du keine Lust hast, die nötige Zeit zu investieren: Das ist okay! Du musst nicht zeichnen können! Aber wenn doch und du wirklich ernsthaft überzeugt bist, dass dir nur das Talent fehlt – dann lies weiter.

Was ist Talent eigentlich?

Talent ist eine angeborene, überragende Befähigung für ein spezielles Gebiet.

Man hat es also oder man hat es nicht – so ist der gängige Glaube. Doch diverse Studien haben nachgewiesen, dass dies nicht unbedingt richtig ist.

Natürlich gibt es einige Hochbegabte – oft Inselbegabte-, die ohne Übung sofort in einem Gebiet brillieren. Doch das sind verschwindend wenige. Daher werde ich auf diese Randgruppe nicht näher eingehen.

Foto zeigt Malutensilien

Talent kann als eine Art erleichterte Startbedingungen angesehen werden. Angenommen, Du und 4 andere stehen bereit, um ein Rennen zu laufen. Einer bekommt 200 m Vorsprung auf einer Gesamtlänge von 3 km. Eine andere hingegen steht 150 m weiter hinter euch dreien, die ihr an dem eigentlichen Startpunkt steht.

Der Läufer mit dem Vorsprung dient als Talent-Beispiel, die Läuferin mit den zusätzlichen Metern als Beispiel für jemanden, der/die untalentiert ist.

Würden nun alle Läufer/innen gleich motiviert und gleich schnell loslaufen, hätte würde der Läufer mit dem Vorsprung als Erster sein Ziel erreichen. Zum Beispiel als Erster absolut fotorealistisch zeichnen können, …

Doch in der Gleichung mit dem Talent darf der Wille nicht übersehen werden. Interessiert den talentierten Läufer das Ziel gar nicht oder nicht besonders und er spaziert einfach nur langsam die Bahn entlang, kann es sein, dass die untalentierte Läuferin ihn um Längen schlägt.

Tatsächlich kann es bei fehlendem Interesse der anderen sein, dass die untalentierte Läuferin die einzige ist, die das Ziel überhaupt erreicht!

Aber natürlich nur, wenn sie auch losläuft. Und sich von ihren zusätzlichen Metern nicht abschrecken lässt.

Übung schlägt Talent

Aus vielen Studien geht hervor, dass Übung Talent schlägt bzw. schlagen kann. Talent ist im Spitzensport – dort vor allem als körperliche Voraussetzungen – und bei Konzertmusiker/innen eventuell von Bedeutung, doch auch dort ist die Übung von überragender Bedeutung.

Foto zeigt Männerhände, die ein Viererportrait zeichnen

Allerdings bleiben Menschen mit Talent leichter am Ball. Sie haben erleichterte Startbedingungen und da Menschen gerne Erfolge sehen, macht ihnen das Üben unter Umständen mehr Spaß als jemanden, der lange braucht, um die ersten Verbesserungen zu sehen.

Doch übt ein Mensch mit Talent nicht, ist dies vergleichbar mit unserem Läufer, der einfach stehenbleibt und sich die Gegend anschaut. Jeder Mensch mit dem Willen zum Durchhalten, zum beständigen Üben, wird ihn überholen können.

 

Daher denke ich, dass echtes Talent eigentlich die Begeisterung an einer Sache ist. Denn wenn Du liebst, was du tust, wirst du es gern und viel tun – und dann wirst du auch besser darin!

 

Die 10.000-Stunden-Regel

Es gibt die Regel, dass Du eine Fähigkeit ca. 10.000 Stunden üben musst, um darin meisterlich zu werden. Das klingt viel? Oder vielleicht doch nicht so viel? Wie viel sind 10.000 Stunden wirklich? Und was heißt ‚üben‘ in diesem Zusammenhang konkret?

Ich möchte die letzte Frage zuerst klären:

Üben heißt in dem Zusammenhang mit der 10.000-Stunden-Regel konzentriertes Trainieren deiner Fähigkeiten. Du musst dich in dieser Zeit wirklich an deine Könnensgrenzen bringen, um sie zu verschieben.

Mit ‚üben‘ ist also nicht gemeint, dass du eine Stunde vor dich hinkritzelst oder eine Fläche einfarbig ausmalst. Auf die Art und Weise kannst du auch 30.000 Stunden rumbringen und bist kaum besser geworden!

Dies ist bei der 10.000-Stunden-Regel das größte Missverständnis. Es geht nicht darum, in dieser Zeit die Tätigkeit auszuüben, in der du besser werden willst, sondern konkret an deinen Fähigkeiten zu feilen.

Dafür musst du wissen, wo deine Schwachpunkte und deine Stärken liegen und dich darum bemühen, deine Schwachpunkte auszugleichen und deine Stärken weiter auszubauen!

Deine Gedanken müssen während dieser Übungszeit zu 100 Prozent auf deine Tätigkeit gerichtet sein. Fordert es dich nicht und kannst du es larifari neben dem Telefonieren oder beim Unterricht in der Schule/Studium ausführen, gilt es nicht als Üben im Sinne der 10.000-Stunden-Regel.

Bild zeigt Männerhände, die ein Aquarell malen

Und jetzt ein paar kleine Rechenbeispiele zu der Menge von 10.000 Stunden:

Angenommen, Du hast einen Beruf, vielleicht noch Familie und natürlich noch andere Hobbys und zeichnest in deiner Freizeit. Sagen wir, Du kommst im Schnitt auf eine Stunde reine Zeichenzeit am Tag. In dieser Zeit kannst du dich voll und ganz auf das Verbessern konzentrieren. Du bist ungestört und voll konzentriert bei der Sache.
Dann würdest Du ca. 27 Jahre und 5 Monate brauchen, um Meisterschaft zu erlangen. Okay, die Monatsangabe ist lächerlich und vielleicht brauchst du auch nur 25 Jahre.

 

Angenommen, Du bist beim Zeichnen motivierter, es ist dein dir absolut wichtigstes Hobby und du kannst dir jeden Tag zwei Stunden konzentrierte Arbeitszeit abknapsen. Dann brauchst du schon ‚nur‘ noch knapp 14 Jahre.

 

Oder sagen wir, du zeichnest an deinen freien Tagen rund um die Uhr und unter der Woche täglich zusätzlich 3 Stunden und kommst so auf ca. 31 Stunden Übungszeit in der Woche. Dann brauchst du für das Erreichen deines Ziels schon nur noch ca. 6 Jahre.

Nach nur 6 Jahren könntest du in der Oberliga mitspielen! Wie ist es, wenn du noch Schüler/in bist und viel Zeit zur Verfügung hast? Oder wenn du beruflich die Chance hast, zu zeichnen?

Foto von einem Tisch mit Zeichenutensilien und einem Mann mit Skizzenblock

Rechne es dir selbst aus:

Finde heraus, wie viele Stunden du im Monat zeichnest. Teile diese Stunden durch 30. Du hast jetzt deinen Tagesdurchschnitt. Rechne diesen mal 365 für den Jahresdurchschnitt. Jetzt teilst du die 10.000 Stunden durch den Jahresdurchschnitt: Voilà!

 

Beispiel:
Du zeichnest im Monat ca. 43 Stunden.
43 : 30 = 1,43 Stunden am Tag
1,43 x 365 = ~ 522 Stunden im Jahr
10.000 : 522 = ~ 19 Jahre

Das dauert ja ewig!

Wenn Du gerade erst mit dem Zeichnen angefangen hast, dann entmutigen Dich diese Berechnungen eventuell stark. Doch ich kann Dir eine tröstende Tatsache verraten:

Es geht bei der Berechnung um Meisterschaft. Das heißt: Du wirst schon bald, nachdem Du mit dem Zeichnen begonnen hast, erste Fortschritte sehen. Dann auf einmal werden die Fortschritte zu purzeln beginnen, es hat jetzt *klick* bei Dir gemacht.

Du wirst besser und immer besser werden und du wirst dich der Meisterschaft stetig nähern. Anfangs noch mit großen Schritten! Die werden mit der Zeit dann kleiner werden, je besser du bist, desto kleiner können die folgenden Verbesserungen ausfallen.

Man sagt, 20 Prozent der eingesetzten Zeit bringt 80 Prozent der Ergebnisse. Das ist auch beim Üben so. Du wirst dich also in den ersten 20 Prozent deiner Übungszeit extrem steigern und nur für die restlichen 20 Prozent der Fähigkeiten noch einmal 80 Prozent Zeit aufwenden müssen.

Aber du musst das ja auch nicht!

Und ich verrate dir noch etwas:

Falls Du meine Zeichnungen toll findest – und davon gehe ich aus, denn wenn ich kein Vorbild für Dich sein kann, dann brauchst Du diesen Blog auch nicht zu lesen 😉 -, dann denke bei deinem eigenen Üben daran, dass ich weit entfernt bin von 10.000 Stunden Übung.

Oh, natürlich habe ich weit mehr als 10.000 Stunden gezeichnet, aber ich würde von meiner Zeichenzeit vielleicht 10 % als echte Übungszeit zur Verfeinerung meines Könnens bezeichnen. Ansonsten ist vieles für mich Routine und mir fehlt die Zeit, um mich tiefergehend damit zu befassen.

Die meisten Zeichnungen, die ich anfertige, sind Kundenaufträge, bei denen ich so exakt wie möglich ein Foto in eine Zeichnung umsetzen soll. Darin bin ich gut – in vielen anderen Gebieten müsste ich aber eigentlich deutlich mehr üben 😉

Und wenn Du schon im Kindesalter begonnen hast …

… dann hast du definitiv einen großen Vorsprung gegenüber anderen Erwachsenen, die gerade erst starten. Jedenfalls dann, wenn du zwischendrin nie aufgehört hast.

Foto zeig Mädchen beim Klavierspielen

Und da Menschen Deine Trainingszeit als Kind oder Jugendliche/r nicht gerne anerkennen, werden sie Dir ‚vorwerfen‘, Du hättest eben Talent und sie nicht …

Doch auch dann wirst du als Erwachsene/r Deine Fähigkeiten massiv verbessern können, denn mit dem Alter fangen wir auch an, anders wahrzunehmen. Wir interpretieren die Welt anders und sehen mit anderen Augen.

Wie du mit oder ohne Talent zeichnen lernst

Wenn Du zeichnen lernen willst, dann kannst Du es auch lernen. Es kommt auf den (Durchhalte-)Willen an!

  • Du musst weiterzeichnen, auch wenn Deine ersten Bilder total ‚verhauen‘ sind und man einen Frosch nicht von einer Mohrrübe unterscheiden kann.
  • Du musst weiterzeichnen, wenn alle anderen sagen, dass Du es ja doch nie lernst. Oder wenn sie behaupten, in Deiner Familie gibt es kein Zeichentalent, ihr habt so etwas einfach nicht.
  • Du musst weiterzeichnen, auch wenn Du nach Monaten immer noch keine richtigen Tiefeneffekte hinbekommst und einfach nur noch frustriert bist!
  • Du musst weiterzeichnen, auch wenn niemand Deine Bilder auch nur geschenkt haben möchte.

Zeichne weiter! Dann kannst du gar nicht anders, als Zeichnen zu lernen. Du tust es ja bereits. Du zeichnest.

Foto zeigt Bleistifte in Bleistifthalter

Schlusswort

Zeichnen ist eine Fähigkeit und als solche erlernbar. Die ersten Schritte mögen hart sein, doch wer dranbleibt, kann es definitiv weit bringen.

Und wer länger dran bleibt, kann es weiterbringen als 96 % der restlichen Menschen. Okay, die Zahl ist gerade von mir erfunden 😉 aber ich schätze, es kommt ungefähr hin.

Wenn Du als Erwachsene/r mit dem Zeichen anfängst, werden Deine Zeichnungen anfangs auf dem Stand sein, an dem Du als Kind aufgehört hast. Kein Grund, das Handtuch zu schmeißen. Wenn Du dran bleibst, wirst Du sehr schnell besser werden, das verspreche ich Dir!

 

Wenn Dir mein Blog-Artikel zum Thema Talent gefallen hat, dann like oder teile ihn doch bitte! 😊 Ich freue mich immer sehr, wenn ich sehe, dass ihr einen Nutzen daraus ziehen könnt.

 

Merken

Merken

Merken

2 Gedanken zu „Übung ist das neue Talent – und was das für Dich bedeuten kann“

  1. Das hat mich tatsächlich motiviert, wieder weiter zu zeichnen! Ich habe schon angefangen, meinem Mann und meiner Familie zu glauben, die meinten, ich hätte eben kein Talent … Aber ich habe doch erst vor ein paar Monaten begonnen und bin schon 56 Jahre alt.
    Übungsstunden fehlen mir also noch massenhaft! Aber ich liebe Zeichnen und werde darum sicher jetzt noch schneller besser. Jetzt, wo ich weiß, dass es möglich ist.
    Danke!
    LG Sonja

    1. Das freut mich sehr, dass Dir der Artikel weiterhilft! Und man ist nie zu alt, eine neue Fähigkeit zu lernen 🙂 Ich wünsche dir noch viel Freude beim Zeichnen.
      Schöne Grüße, Jenny

Kommentare sind geschlossen.