Eine Ode ans Radieren

Das Radiergummi … Ein widersprüchliches Zeichenwerkzeug, denn tatsächlich wird es ja nur selten zum Zeichnen verwendet – sondern viel häufige dafür, misslungene Striche wieder auszumerzen. Radiergummis sind in der Kunstszene und vor allem im Kunstunterricht scheinbar verpönt. Sehr oft werden Kunstschüler/innen damit „gequält“, dass sie keine Radiergummis verwenden dürfen. Und Künstler/innen schreiben Blogartikel darüber, warum es sinnvoll ist, keine Radiergummis zu verwenden.
Ich mag Radiergummis. Ich finde, sie machen frei. Natürlich lehrt es viel darüber, stressfrei mit der Unperfektheit umzugehen, wenn man eine Zeichnung ohne Radiergummi zeichnet. Das mache ich auch – allerdings automatisch, wenn ich zum Beispiel Fineliner oder Kugelschreiber verwende. Zum Skizzieren finde ich diese Stifte eh optimal. Aber wenn ich mit Bleistift oder Farbstiften arbeite und die Zeichnung exakt werden soll, dann liebe ich die Möglichkeit, Fehler wegradieren zu können.
In diesem Blogartikel lege ich kurz die größten Vorteile des Radierens aus meiner Sicht dar.

Radiergummis zum Fehler ausradieren

In erster Linie können Radiergummis natürlich optimal verwendet werden, um Bleistiftzeichnungen zu korrigieren. Hier ist etwas zu dunkel geworden, der Strich passt nicht? Kein Problem, einfach mit einem guten Radiergummi radieren, bis es wieder passt bzw. der Strich neu gezogen werden kann. In meinen Vorzeichnungen radiere ich viel, denn die Vorzeichnung muss 100 % passen. Passt die Vorzeichnung nicht, dann passt auch der Rest des Bildes nicht. Eine verhauene Vorzeichnung kann nicht wieder gut gemacht werden! Also gebe ich mir entsprechend große Mühe mit der Vorzeichnung. Ich zeichne mit weißem Stift auf dunklem Grund oder mit Bleistift auf hellem Grund vor. Und passt etwas nicht, dann kommt einer meiner Radierer zum Einsatz, meist der Druckradierer.

radierer
Meine Radierer: ein normaler Plastikradierer, ein elektrischer Radierer (oben) und ein Druckradierer (unten)

Auch Farbstiftzeichnungen können bis zu einem gewissen Grad mit einem Radiergummi korrigiert werden. Jedoch wird man die ursprünglichen Linien oder Flächen weiterhin farbig sehen. Mit guten Farbstiften lassen sie sich dann jedoch mühelos überzeichnen. Sogar schwarze Flächen können ausradiert und mit einem Hellgrau noch übertönt werden.

Warum Radieren frei und entspannt macht

Wer schon einmal eine Vorzeichnung auf Pastell-Velour-Papier angelegt hat und weiß, dass man da nicht radieren kann und trotzdem exakt arbeiten muss, lernt das Radieren zu schätzen. Es macht tatsächlich frei, eine verhauene Linie neu ziehen zu können, statt eine Zeichnung damit unwiderbringlich zu „versauen“ und das Blatt wegwerfen zu müssen. Oft sind Zeichenblätter ja auch wertvoll. Einige meiner Blätter kosten bis zu 2 – 3 € pro Blatt, die werfe ich ungern wegen einmal nicht aufpassen weg! Wenn ich weiß, dass ich notfalls radieren kann, gehe ich also viel gelassener an die ganze Zeichnung heran. Und dadurch mache ich weniger Fehler! Denn je gelassener ich bin, desto besser kann ich mich logischerweise konzentrieren. Je mehr Druck dahinter steht, dass jede Linie sitzen muss, umso anstrengender finde ich das Zeichnen. Und Zeichnen sollte Spaß machen!

Radiergummis als Zeichenwerkzeug

Natürlich können Radiergummis auch zum Zeichnen verwendet werden. Im archäologischen Zeichnen wird beispielsweise ein Objekt erst einmal in einem bestimmten Grundgrauton gezeichnet, die Schatten werden dann vertieft und die hellen Stellen nachträglich als letzter Schritt ausradiert. So können sehr plastische Zeichnungen entstehen, die die Plastizität des gezeichneten Gegenstandes besser wiedergeben können, als ein Foto dies vermag. Wer gerne dramatische Effekte aus Hell und Dunkel erzielen möchte, der/die kann es mal mit dieser Methode versuchen: Ein Motiv wird sehr dunkel und kraftvoll gezeichnet, die Lichtflecken dann übertrieben hell wieder ausradiert. Ganz weiß wird das Papier ohnehin nicht mehr – einmal mit tiefschwarzem, weichen Bleistift (B7 – B9) eingezeichnet, wird man die Färbung immer leicht sehen. Gerade sehr muskulöse Tiere oder auch (nackte) Menschen können so schön dargestellt werden. Die Kraft kommt dann optimal heraus. Auch weiße Tiere in düsterer Umgebung lassen sich so schön darstellen.

Radieren, um die Vorzeichnung zu entfernen

Wird mit einer Vorzeichnung und relativ durchscheinenden Folgematerialien gearbeitet, dann macht es oft Sinn, die Vorzeichnung zu entfernen. Wenn ich beispielsweise ein sehr helles Tier zeichne und es auf hellem Grund sein soll (beispielsweise ein hellbraunes Tier auf beigem Grund), dann zeichne ich die Vorzeichnung mit Bleistift vor, radiere sie aber nach und nach beim Fertigstellen der Zeichnung vollständig wieder aus. Würde ich sie stehen lassen, würden die Bleistiftstriche unter der Zeichnung sichtbar bleiben, was nicht gewünscht ist. Jedenfalls bei meinen Kundenaufträgen nicht, denn da sollen die Tiere so fotorealistisch wie möglich abgebildet sein.
Wird die Zeichnung/das Bild in der Folge mit wasserbasierten Farben ausgearbeitet, kann man aber auch einen wasserlöslichen Bleistift für die Vorzeichnung verwenden. Die Linie verschwindet dann beim Übermalen. Jedoch sollte bei der Vorzeichnung nicht allzu stark aufgedrückt und mit einem relativ harten Bleistift gearbeitet werden, ansonsten verschmutzt das Grau die anderen Farben.

Wie steht ihr zum Thema Radiergummi?

Jetzt würde es mich interessieren, wie ihr zu diesem Thema steht! So kontrovers, wie das Radiergummi in der Kunstszene behandelt wird, finde ich es interessant, wie eure Meinung dazu ist! Schreibt einfach ein Kommentar – ich schalte es so schnell wie möglich frei 🙂